Schon mal im Dunkeln trainiert ?
Turnen im einzigen hinduistischen König-reich der Welt Text & Bilder: Olivia Vrabl


König Gyanendra von Nepal hat im Februar mit einem Putsch die Demokratie in seinem Land durch eine absolute Monarchie ersetzt und den Ausnahmezustand verhängt. Davon ist auch eine ehemalige österreichische Kunstturnerin betroffen: Olivia Vrabl (Jg. 1981) hat ihr Spanisch/Englisch-Studium knapp vor der Diplomarbeit für ein freiwilliges soziales Jahr in Nepal unterbrochen. Die Vorarlbergerin lebt seit November bei einer Sherpa-Familie in Kathmandu, unterrichtet an einer Montessorischule sowie am Goethe-Institut. Und sie hat eine Möglichkeit gesucht und gefunden, um auch in Nepal zu turnen. Wie das dort funktioniert, ist faszinierend. Ein "Reisebericht besonderer Art".
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 >  Wie es zur einzigen Turnhalle in einem 25-Mio-Einwohner-Land kam.
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 >  Warum man manche Geräte in Nepal derzeit lieber nicht trainiert.
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 >  Weshalb nicht einmal jedes Jahr ein Wettkampf stattfindet.
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 >  Wie man bei null Grad Hallentemperatur gut trainiert.
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 >  Die Hauptschwierigkeiten des Turnens in Nepal.
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 >  Wie man unterstützen und helfen kann.
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 >  Exkurs: Olivia Vrabls persönliche Eindrücke von Land und Leuten

 

N
E
P
A
L



Wie es zu einer einzigen echten Turnhalle
in einem 25 Mio-Einwohner-Land kommt

1971 wird das Turnen in Nepal von einem Japaner gegründet, der durch eine soziale Or-
ganisation nach Nepal kommt (Japanese Overseas Volunteer Cooperation). Zu dieser Zeit
weiß keiner in Nepal so genau, was Turnen eigentlich wirklich ist, die meisten haben die
Vorstellung, dass Turnen so etwas ähnliches wie Bodybuilding ist, aber da es sonst nicht
viele Sportarten gibt (Karate etc. ist verboten), ist das Interesse sehr groß. So üben die
ersten nepalesischen Turner immer zur Mittagszeit in einer Badmintonhalle, wenn alle
Pause machen. Die Turnmatten leihen sie jeden Tag von anderen Sportarten aus, tragen
sie in die Halle und wieder zurück.

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Die landschaftliche Ruhe und Idylle täuscht:
In Nepal herrscht Ausnahmezustand.

Von den damaligen Turnern sind vier dem
Turnen treu geblieben, und einer davon,
Mukunda Lall Nakarmi, ist nun der Cheftrai-
ner in der nationalen Turnhalle in Kathman-
du. Im Laufe der Jahre reisen diese vier
jungen Männer nach Indien und China, um
mehr über den Turnsport zu erfahren. Sie
sammeln Geld von chinesischen Turnverei-
nen, um Turngeräte zu kaufen. Und sie lei-
hen von anderen Sportarten dicke Matten
für zwei Wochen aus und geben sie erst
nach einem Jahr zurück (was wohl besser
war für die Matten, denn in der Turnhalle,
die den Turnern dann zur Verfügung gestellt
wurde, waren die Matten vor Regen und
Sonne geschützt, während die anderen
Sportler die Matten aus Platzgründen vor

ihren Hallen lagerten). Noch heute trainieren Turner und Turnerinnen in der selben Halle
im Dasharatstadium in Kathmandu, die Größte in ganz Nepal, und dabei ist sie gerade mal
17 x 13 m groß...
.
1982 beschließt Mukunda Lall Nakarmi, ein nationales Wettkampfreglement für Männer
zusammenzustellen, denn die internationalen Kriterien sind aus Mangel an Geräten nicht
ausführbar. Dasselbe Reglement wird heute noch verwendet und eigentlich wäre es an
der Zeit, ein paar Updates zu machen, doch außerhalb des Kathmandu-Tals könnte auch
heute weiterhin aus technischen Gründen niemand diesem neuen Reglement folgen...
.
1987 kommt zufällig eine belgische Turntrainerin als Touristin nach Nepal, und mit ihrer
Hilfe wird ein Reglement für die Frauen zusammengestellt, welches von Mukunda veröff-
entlicht wird (ohne Turnerinnen gab es keine Eile).
.

Im Laufe der Zeit, als Mukunda dann wirklich
Cheftrainer ist, versucht er, mehr junge Men-
schen für den Turnsport zu gewinnen. Seine
Idee: je mehr Trainer desto mehr Turner. So
überredet er zwei ältere Turner Trainer zu wer-
den. Er reist mit den zwei jungen Männern ein
Jahr lang durch ganz Nepal. Sie nehmen Matten
aus Kathmandu mit, gehen in ein Dorf, das eine
Sporthalle hat, und trainieren dort vor Ort mit
den Kids. Diese schauen meistens zuerst skep-
tisch, machen dann aber eifrig mit. Mukunda
läßt dann die Matten und einen seiner neuen
Trainer dort, damit sie weiterturnen können.
Er hingegen reist weiter. So verteilt er Matten
und Trainer in ganz Nepal und muss immer wie-
der dorthin zurückreisen, um sicherzugehen,
dass auch alles funktioniert.
.
Der Turnsport wird langsam in Nepal bekannt,
doch was Mukunda wirklich beschäftigt, ist,
dass es kaum Turnerinnen gibt. Ein, zwei mu-
tige Mädchen trainieren ein paar Jahre mit den
Jungs, doch sie hören dann immer in der Pub-
ertät auf. So versucht Mukunda Trainerinnen
auszubilden, in der Hoffnung, dass dann auch
mehr Mädchen zu Turnen beginnen würden und
auch bleiben würden. Im Laufe der Zeit gelingt
es ihm, zwei Trainerinnen auszubilden, und ei-
ner der derzeitigen Turnerinnen, Monika, wer-
den bewußt immer Führungsaufgaben zugeteilt


Von außen schaut die nationale Turnhalle
in Kathmandu ja noch gar nicht mal
so schlecht aus....


...aber bei Innenansicht wird's schon dunkler

(z.B. das Aufwärmen leiten - ja, auch nepalesische Jungs herum kommandieren), mit der
Absicht, dass sie später dem Turnsport als Trainerin erhalten bleibt.
.
Irgendwann im Laufe der Zeit hat Mukunda dann eine neue Idee: er bietet Schulen an,
gratis Turnen zu unterrichten, sofern sie diese Sportart ernsthaft in ihren Lehrplan auf-

.


"Chief Coach" Mukunda Lall
Nakarmi (oben, unten mit zwei
Co-Trainern): Ohne sein Wirken
gäbe es Turnen in Nepal nicht


nehmen. Nach anfänglichem Zögern sind immer mehr und
mehr Schulen bereit, Turnen anzubieten. So gelingt es
Mukunda, für die Trainer und Trainerinnen eine zweite Ar-
beitsstelle zu schaffen. Doch bis heute gibt es in den 60
Schulen mit Turnen als Fach außer ein paar alten Matten
keine Turngeräte.
.
Der Cheftrainer hat seine eigene Philosophie des Turn-
sports, und er will, dass diese Philosophie erhalten bleibt.
Darum ist nicht jeder gute ehemalige Turner „würdig“ ein
Trainer zu werden. Seine Philosophie beinhaltet, abgese-
hen davon, dass man dem Trainer gehorchen muss und
ihn auch respektiert, dass man anständige Manieren hat.
So bringt der Cheftrainer den Turnern und Turnerinnen
nicht nur seinen Sport näher, sondern er zeigt den Neu-
lingen, wie man sich anständig anzieht, die Haare kämmt,
etc. Er hat es als „allround-development“ beschrieben.
Die Turner sind und sollen eine Familie bleiben, und nicht
durch eine andere Philosophie zerstört werden.
.
Durch den Einsatz von Mukunda gibt es in Nepal, abgese-
hen von den Schulen, schon etwa 1000 Hobby- und Leis-
tungsturner, davon sind etwa 150 Mädchen, und daneben
noch elf Trainer und zwei Trainerinnen, und elf „Sporthal-
len“, in denen Turnen angeboten wird, wobei aber nur eine
Halle, die in Kathmandu (wo ich trainiere) wenigstens ein
paar alte Turngeräte hat und wirklich Turnhalle genannt
werden kann. Somit sollten wir uns bewusst sein, dass das
Wort Turnen in Nepal eine ganz andere Bedeutung als bei
uns in Österreich hat...

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Warum man manche Geräte in Nepal aus
überlebens-technischen Gründen derzeit
lieber NICHT trainiert
.
Wenn die Turnerinnen und Turner in Kathmandu über den Sprungtisch springen, dann
werden zwei gebrochene Holzsprungbretter (so alte Dinger gibt es bei uns überhaupt
nicht mehr) übereinander gelegt, die jedes Mal furchtbar tscheppern, sobald man drauf
springt. Es scheint unmöglich, irgend etwas mit diesen altertümlichen Sprungbrettern zu
produzieren, und trotzdem machen die Jungs Überschlag-Salto. Die Akrobatikbahn be-
steht aus zwei Schichten alter Matten die wohl mehr mit Steppdecken gemein haben als
mit Matten, und einem langen Teppich, der darüber gelegt wird. Die nepalesischen Tur-
ner und Turnerinnen haben in ihrem Leben noch nie auf einer Rollmatte geturnt und doch
schaffen sie Rondat-Flick-Schraube. Am Reck trainieren sie hauptsächlich Kippe und Fel-
gen, für spektakuläre Abgänge gibt es keinen Platz in der winzigen Halle.
.

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Die anderen Geräte werden selten trainiert, der
Barren hat auch schon bessere Zeiten gesehen,
Stufenbarren gibt es keinen, auf DEN Balken
setze ich keinen Fuß, der rutscht besser, wie
jeder Eislaufplatz, und mit Anlauf Trampolin zu
springen ist glatter Selbstmord, denn dieses
Trampolin übertrifft die allerkühnsten Vorstell-
ungen eines jeden Österreichers. Und dabei ist
es das einzige existierende Trampolin in ganz
Nepal in Händen von Turnern. (das zweite hat
die Polizei und sonst gibt es schlichtweg keine).
.
In allen anderen Turnhallen besteht das Turnen
nur aus Bodenturnen, Gymnastik und Krafttrai-
ning. Daher kommen die Turner aus Bhaktapur


Reck-Abgänge kann man leider nicht
trainieren: Es ist dazu zu wenig Platz

ein bis zwei Mal in der Woche nach Kathmandu, weil sie sonst gewisse Elemente über-
haupt nie trainieren könnten.
.
Am 8. Jänner 2005 (also dem 24. posh 2061 nach dem nepalesischen Kalender) hat ein
Wettkampf stattgefunden, an dem Turnerinnen und Turner aus Kathmandu und aus
Bhaktapur teilgenommen haben. Turndresse haben nur ein paar Sportler angehabt, eine
Trainerin hat ein paar Turnanzüge verteilt. Die Turner zeigten ihr Können am Boden, am
Sprung und am Reck, und die Turnerinnen bestritten den Wettkampf am Boden und am
Sprung. Die Mädchen aus Bhaktapur turnten nur am Boden, da sie nie die Gelegenheit
haben, andere Geräte zu trainieren...
.

Weshalb derzeit nicht einmal jedes Jahr
ein nationaler Wettkampf
statt findet.
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.
Im letzten Jahr hat es keinen nationalen Wettkampf gegeben, weil aufgrund maoistischer
Anschläge nicht alle Turnstätten teilnehmen konnten. Die Maoisten haben nämlich die
schlechte Angewohnheit, Schüler und Lehrer aus ihren Schulen zu entführen, um sie für
ihre Zwecke zu rekrutieren. Als Reaktion blieben viele Schüler und Schülerinnen (1/3 der
maoistischen Rebellen sind Frauen) dem Unterricht fern und als Konsequenz sind seitdem
viele Schulen und somit auch Sporthallen außerhalb des Kathmandu-Tals geschlossen.

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Das einzige Turn-Trampolin
in ganz Nepal....

Wer mehr über die Hintergründe dieses Konfliktes und
die aktuelle politische Situation in Nepal wissen will,
hier sind ein paar Links
:
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Generelle Information über Nepal
(Kultur, Politik, Landschaft,...):
>> Wikipedia.org
.
Massaker 2001 – drei Könige in 4 Tagen: >>
wsws.org
Massaker 2001 – drei Könige in 4 Tagen: >> BBC
.
Reiseinformation für Touristen: >>
Tourism-Watch
Reiseinformation für Touristen: >> Außenministerium
.

Auch wenn die Lage in Nepal zur Zeit ziemlich instabil ist, brauchen sich hier Touristen
nicht mehr zu fürchten, als in einer größeren Stadt in einem anderen Entwicklungsland.
Trekkingführer wissen, welche Strecken zur Zeit sicher sind, und von den Problemen, die
die Bevölkerung betreffen, spürt man als Kurzzeittourist kaum. Die Armee kontrolliert nur
die Einheimischen, und an die Waffenpräsenz gewöhnt man sich sowieso schnell.
.
Wenn wieder einmal ein Generalstreik stattfindet und alle Geschäfte geschlossen sind
und kein Bus fährt (ist ja nicht nur so, dass hier die Maoisten die Einzigen wären, die
ständig Streiks organisieren, in Kathmandu findet JEDEN TAG mindestens ein Streik mit
Demonstrationszug statt ), dann findet das Geräteturnen natürlich trotzdem statt, aber
leider nur für diejenigen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Turnhalle gelangen können.
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Mindestens einmal pro Woche geht in der Stadt das Licht aus, doch die für Kathmandu
typischen Stomausfälle werden in der Turnhalle schlichtweg ignoriert. Dann wird eben
im Dunkeln trainiert, bis das Licht wieder angeht.
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Eine nepalesische Trainingseinheit -
oder wie man seinen Körper bei knapp
über null Grad zu Höchstleistungen
bringt.
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Trainingsbeginn ist um 6.45 Uhr im Winter und
um 6.30 im Sommer. Zur Zeit hat es zu dieser
frühen Morgenstunde knapp über Null Grad und
die Halle ist weder geheizt noch isoliert.
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Zuerst joggen wir im Freien etwa fünf Stadion-
runden, um die Muskeln zu aktivieren (und ich
meinen Kreislauf zu aktivieren, denn ich stehe
zwar um 5.30 Uhr auf, trinke Tee, esse ein klein
wenig, und habe während der Busfahrt Zeit auf-
zuwachen, aber Kälte und Uhrzeit machen mir
schon zu schaffen). Dann gibt es ein allgemeines
Aufwärmen vor der Turnhalle (ja, immer noch bei
rund null Grad). Danach dürfen wir endlich in
die Turnhalle (die nicht wirklich wärmer ist) und
uns in einer Reihe aufstellen. Wir müssen „habt
acht“ stehen, Boden, Brust und Stirn berühren,
dann dürfen wir aufwärmen. Natürlich alle das
gleiche (außer mir, ich wärme natürlich so auf,
wie ich es für richtig halte und vor allem brauch'
ich bei den Temperaturen ein längeres Aufwär-
men) und zwar im Chor: Monika zählt auf 4, die
anderen von 5 auf 8. Nach einem etwas dürfti-
gen Aufwärmen wird nochmals „habt acht“ ge-
standen, dann wird man den Geräten zugeteilt.

Das Aufwärmen ist darum ein bisschen hastig,
weil viele schon um 8 Uhr in die Schule gehen
müssen und vorher noch so viel wie möglich trai-
nieren wollen. Während des Trainings haben alle
Trainer und Trainerinnen Jacken, Kappe und
Handschuhe an, und sogar einige Turner trainie-
ren mit Handschuhen. Die Nepalesen sind zwar
viel gewöhnt, doch irgendwann ist sogar ihnen
zu kalt (obwohl die Leute in den Bergen barfuß
im Schnee laufen). Wenn der Cheftrainer herein
kommt, dann heißt es sofort aufgehört zu trai-
nieren und alle verbeugen sich vor ihm gleich-
zeitig. Am Ende jedes Trainings (nach ca. zwei
Stunden) müssen die Turnerinnen und Turner
wieder „habt acht“ stehen und „dschäi nepal !“
("Lang lebe Nepal") rufen.
.

.
Vrabl (vorne links) mit Trainingsgruppe




Olivia Vrabl und vier Nepal-Turnerinnen

Die Halle putzen müssen natürlich die Turner und Turnerinnen selber, und zwar während
der Trainingeinheit. Dann hört man einen lauten Staubsauger surren und sogar junge ne-
palesische Männer mit Besen in der Gegend herumspringen.
.
Warum so früh am Morgen trainieren ?  Trainerchef Mukunda ist der Ansicht, dass die
meisten wohl nach der Schule nicht regelmäßig kommen würden (die Schule dauert etwa
bis 15 oder 16 Uhr) - und so kommen die Kids sechs Mal in der Woche.
.

Momentane Schwierigkeiten, mit denen
das nepalesische Turnen konfrontiert ist:
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l Obwohl Turnen in den meisten Landesteilen bekannt ist, gibt es außerhalb von
l Kathmandu kaum die Möglichkeit, ernsthaft zu trainieren, weil es schlicht und ein-
l fach keine Geräte gibt.
.
l Turnerinnen sind immer noch eine Seltenheit.
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l Seit die Kampfsportarten legal trainiert werden dürfen, hat das Turnen für viele an
l Interesse verloren.
.
l Die Trainer und Trainerinnen fragen immer, wie ich dieses oder jenes Element trai-
l nieren würde, d.h., sie sind sehr interessiert daran, neue Techniken und neues Wis-
l sen über das Turnen zu bekommen, doch für Weiterbildung müssen sie ins Ausland
l fahren und dafür fehlt das Geld.
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Wer sich während des Lesens amüsiert hat und trotzdem helfen will...
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Ich versuche, die Nepalesen zur Welt Gymnaestrada 2007 in Dornbirn einzuladen. Nur
leider müssen sie dafür den Flug selbst bezahlen. Wer helfen will, dass Nepal zum aller-
ersten Mal an der Gymnaestrada teilnehmen kann ist herzlich eingeladen, unter dem
Kennwort "Nepal" einen Betrag auf das ÖFT-Konto 05410 909 008 bei der BAWAG, BLZ
14000
zu überweisen. Eine kleine Unterstützung von einem Turnverein ermöglicht einem
Nepalesen einen Traum.

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Jedes Turngerät, jeder Turnanzug wird hier geschätzt und
gebraucht. Sollte ein Turnverein ein paar Geräte übrig haben
oder sich an den Transportkosten beteiligen wollen, dann
bitte ich, entweder an happygymnastics@hotmail.com zu schreiben oder etwas auf das o.g. Konto zu überweisen.
.
Der größte Traum von Mukunda ist, die Turnhalle (17x13m)
zu vergrößern. Will sich jemand an diesem besonders abent-
euerlichen Projekt beteiligen ?!?  Wissenschaftliche Bücher,
die den Trainern helfen, ihr Wissen über das Turnen auf den
neuesten Stand zu bringen, sind immer gefragt. Die Trainer
sehnen sich danach, mehr Ausbildung zu bekommen.
Und
wer sonst noch tolle, realistische Ideen hat – bitte melden !

"Live" aus Kathmandu: Olivia Vrabl...

.
Land und Leute: Auszüge aus Olivia Vrabls persönlichen Reiseberichten.
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.
Betreff: Namaste
Also, mir gehts gut, von dem Bombenanschlag gestern habe
ich nichts mit bekommen, man sieht nur ständig bewaffnete
Leute von der Armee herumspringen - weiter nicht schlimm.
Übernachtet habe ich natürlich NICHT dort, wo ich es geplant
hatte, bin nämlich vom Flughafen in Kathmandu nicht wie
ausgemacht abgeholt worden. Aber ich habe im Flughafen in
München bereits einen Menschen aus Kathmandu getroffen
und dort geschlafen. Ansonsten gibts hier angenehme 22
Grad, Sonnenschein, freundliche Leute und ein Verkehrssys-
tem zum Fürchten...

Betreff: Von Büffelmilchjoghurt
und tibetischen Ärzten

Die Luft in Kathmandu ist echt furchtbar dreckig, und wenn
es nicht nach Abgasen stinkt, dann halt nach Reis, Linsen,
Urin und Räucherstäbchen... Hab mir gedacht, ich erzähl mal
von den sonderbarsten Dingen, die mir letzte Woche unter
gekommen sind:
.
1. wenn man jemanden auf Newari (eine Sprache, die vor
allem im Kathmandu-Tal gesprochen wird) begrüßt, sagt man
wörtlich: Hast du schon Tee gehabt ? Wenn man ein biss-
chen förmlicher sein will, dann fragt man: Hast du heute
schon gegessen ?
.
2. Keiner putzt hier das Klo selbst, dafür bestellt man einen
Kloputzer. Daher kann man das Wort Kloputzer auch als
Schimpfwort verwenden...
.
3. Laut hinduistischer Religion sind Ausländer Götter (das
kann des öfteren praktisch sein).
.
4. Sonntag = Samstag, die Werktage sind somit So-Fr.
.
Kulinarisch gibts hier auch voll interessante Sachen. Büffel-
milchjoghurt schmeckt lecker und eigentlich fast wie unser
Joghurt. Yaktee (tibetischer Buttertee) schmeckt salzig, aber
lecker und sollte eigentlich Naktee heißen, so nennt man die
weiblichen Tiere. Reiswein hat an die 35% Alkoholgehalt und
schmeckt wie ein wässriger Schnaps und wenn ich zurück
komme, werde ich wohl einige Linsengerichte mehr kochen
können ! Hab auch einen tibetischen Arzt aufgesucht, der
durch Pulsmessen den Gesundheitszustand checkt. Er hat
gemeint, dass ich rundum gesund bin. Die Leute sind immer
noch freundlich und hilfsbereit. Nepali kann ich schon ein
bisschen lesen und schreiben, aber ich lerne halt parallel
automatisch Newari und Tibetisch mit. Ist fast nicht ver-
meidbar, obwohl sich Tibetisch sehr von den zwei anderen
Sprachen unterscheidet. Bin schon gespannt, was in Europa
so passiert, wir haben hier ja auch Winter, d.h. null Grad in
der Nacht und 20 am Tag...

Betreff: Olivia’s Tagesablauf
Ich bin immer noch guter Dinge, obwohl ich manchmal wahn-
sinnig werden könnte, wenn ich irgendwo stundenlang warten
muss, nur weil einer zuerst seine Muße finden muss, bevor er
seine Unterschrift auf irgend ein Schreiben von mir setzt.
Hab mir gedacht, ich beschreibe mal meinen Tagesablauf hier
in Nepal: 5.30 Uhr aufstehen, Tee trinken, kleines Frühstück.
6.00 Uhr aus dem Haus gehen und mit dem Bus zum Ratna-
park fahren (15 min), dann am Armeetrainingszentrum vorbei
laufen bis zum Dasharatstadium (Mensch, müssen die so ein
riesiges Ding mitten in der Stadt haben). 6.30 Uhr Gerättur-
nen (ja ernsthaft um diese Uhrzeit und natürlich gibt es hier
keine Heizung, also Turnen bei bestenfalls 10 Grad).
8.30 Uhr Zeitung kaufen, dann mit dem Bus in die Schule
fahren. 9.00 Uhr Englisch unterrichten. 13.00 Uhr Tiffin (kl.
Mittagessen) in der Schule. Um 15.00 Uhr Unterrichtssende.
16.00 Uhr Tee trinken und Kekse essen mit Phulu (Tochter
meiner Gastfamilie, die gerade aus der Schule gekommen ist.
Dann Nepali lernen, was Feines zu Abend kochen, lesen oder
Fernseh schauen, sofern ein guter Film kommt auf Englisch
(die indischen und nepalesischen Filme sind mir eindeutig zu
kitschig, Mensch, müssen die Schauspieler immer leiden in
den Filmen...), hin und wieder Toumbah trinken (tibetisches
alkoholhaltiges Getränk). 22.00 Uhr schlafen gehen (es ist
schon um 18.30 schwierig, noch mit öffentlichen Verkehrs-
mitteln heim zu kommen und fortgehen kann man eh nicht).

Und die Highlights dieser Woche: Ich war auf einer Newari
Hochzeitsparty (an der eigentlichen Hochzeitszeremonie
nehmen nur Familie und ein, zwei Freunde teil). Ich hab jetzt
ein Bokuu (tibetisches Kleid). Werd vom besten ehemaligen
Turner trainiert, den Nepal je gesehen hat (der kann wirklich
was). Wer denkt, dass er im täglichen Leben mit einem 500
Rupischein (ca. 5 Euro) zahlen kann, der hat keine Chance,
niemand hat für soviel Geld Wechselgeld (nur Touristenge-
schäfte und riesige Supermärkte  nehmen „Großgeld“ an).
Lehrer haben unterschiedliche Gehälter – das verhandelt
man mit dem Direktor individuell.

Die Schrift schaut nun nicht mehr so aus, als ob sie von
Aliens erfunden worden wäre, nein sie ist wirklich von Aliens (Scherz!) Ich kann nun mehr oder weniger Nepali lesen. Da-
für hat das nepalesische Alphabet 36 Konsonanten und 13
Vokale (yippee, Aussprache, ich komme). Ach ja, und des
Ehemannes jüngerer Bruder’s Frau verdient natürlich einen
eigenen Ausdruck und hat überhaupt nichts mit der Ehefrau
des älteren Bruders des Ehemannes was zu tun. (sogar die
Schwester der Ehefrau des älteren/jüngeren Bruders hat
einen eigenen Ausdruck). Wer also meint, er kommt hier mit
Schwager und Schwägerin durch, wenn er von Verwandt-
schaftsverhältnissen redet, der hat sich gewaltig geschnit-
ten...(und natürlich verdienen ältere Verwandte ein anderes
Pronomen als jüngere und auch die Endung der Adjektiva
wird an das Verwandtschaftsverhältnis angepasst).

Betreff: Weihnachten
Weihnachten wird hier ja nicht in dem Sinne gefeiert, wie wir
das tun. Man kann zwar Weihnachtsschmuck in den Geschäf-
ten kaufen und hört am 24. und am 25. Dezember den ganzen
Tag irgendwelche Silvesterknaller, doch Bedeutung hat es für
Menschen (außer der handvoll Christen) keine. Am 25. wird in
den meisten nepalesischen Haushältern feierlich gekocht,
quasi ein Anlaß mehr zum Feiern, egal was für eine Religion,
und am Abend gibt es dann überall Weihnachtsparties. Nichts
mit besinnlich und so. Zum Glück wohne ich nicht am Land,
kurz vor Weihnachten gab es einen zweitägigen Streik, da-
nach haben die Maoisten eine Woche lang Straßenblockaden
im ganzen Land errichtet und viele Leute, die in irgendwelche
Spitäler hätten gehen sollen, sind auf dem Weg dorthin ge-
storben (obwohl sie von ihren Liebsten kilometerlang zu den
Spitälerm getragen wurden). Ab morgen findet wieder ein
dreitägiger Streik statt, also Essen vorkaufen, und dann viel
Heimprogramm machen. Am Besten nix außer Haus machen,
denn wenn gestreikt wird, dann kommt auch die Polizei nicht
zu Hilfe...

Ach ja, vielleicht erzähle ich einmal etwas über den nepale-
sischen Kalender: heute, dem 28.12.2004, schreiben wir den
11. posh 2061 (klingt doch ziemlich science-fiction mäßig,
oder ?). Also weder Tag, noch Monat, noch Jahr stimmen mit
unserem Kalender überein...





































 
Derzeit habe ich gerade Weihnachtsferien, aber nicht, weil        >>  Home 
Weihnachten ist oder sonstige Feiertage sind, sondern weil
es zu kalt ist in der Schule zu sitzen (ohne Fenster, ohne
Türen, ohne Heizung). Ende Jänner geht es dann weiter.
Ich habe natürlich die Ferien zum Reisen verwendet und bin
mit dem Flugzeug nach Pokhara geflogen, eine absolut beein-
druckende Stadt, weil sie von lauter 7000ern umgeben ist.
Ich bin jeden Tag um 6 aufgestanden, um den Sonnenauf-
gang zu sehen. Bei der Reise habe ich seit langem wieder
einmal mit einem Touristen gesprochen. Da wurde mir erst
bewusst, dass ich nur mit Nepalesen interagiere. War ganz
gut, wieder einmal mit einem Ausländer zu reden und eine
„intellektuelle Diskussion“ zu führen, und auch über die Er-
lebnisse in Nepal zu reflektieren. und als dieser Tourist dann
einen Tag in Kathmandu verbracht hat, habe ich Touristen-
führer gespielt und ihm die allerwildesten Sachen in Kath-
mandu gezeigt – z.B. Bouddha, sowas wie Klein Tibet. Ein
Tibeter hat vor ein paar Hundert Jahren den damaligen König
ausgetrickst und am Rande von Kathmandu ein Fleckchen
Land erworben. Bis heute herrschen innerhalb dieser paar
Quadratmeter eigene Gesetze, so kann man mitten im ein-
zigen hinduistischen Königreich der Welt eine heilige Kuh
schlachten - auf buddhistischem Boden.

In diesem Land gibt es soviele Kontraste zwischen Gut und
Böse, und es gibt soviel, was nicht einmal die Einheimischen
verstehen. Zu Silvester organisierten ein paar Touristenbü-
ros und Radiostationen ein Strassenfest in einem Touristen-
viertel in Kathmandu, doch die Armee hat um 10.00 Uhr be-
schlossen, dass das Ganze nun ein Ende hat und auch alle
Bars und Pubs mussten zumachen. Die Nepalesen selbst sind
dann halt hinter verschlossenen Bars gesessen, weil jeder
irgendwie irgend jemanden irgendwo kennt, aber offiziell war
alles um 10 zu Ende. Keiner wußte warum, alle waren sauer
und als Reaktion blieben alle Geschäfte am nächsten Tag
geschlossen. Und trotzdem sieht man überall nur lachende
Gesichter. Ein Nepalese hat gemeint, dass die Nepalesen un-
glücklich glücklich sind, weil sie trotz der schwierigen (und
eher schlimmer werdenden) Situation ihre Lebenslust nicht
verlieren.

Lust auf ein paar schräge Sachen ?
Was ich mittlerweile herausgefunden habe: jeder ist irgend-
wie Chef von irgendwas, weil jemand wichtiger zu sein ist
hier echt voll wichtig... Ich wohne jetzt mehr oder weniger
lleine (der älteste Sohn der Familie übernachtet ab und zu
da) und passe auf ein riesen Haus auf, (Gas zahlen, Wasser
kaufen, Solarzellen putzen, Blumen gießen, etc.) weil meine
Gastfamilie in Deutschland ist.

Hab eine hinduistische Beerdigung angeschaut – die sind
hier öffentlich. Ist schon schräg, zuerst putzen die Familien-
mitglieder den Leichnam im heiligen Fluss, wickeln ihn in ein
Tuch ein, viele Blumen, viel rotes Farbpulver darüber streu-
en und dann wird der Tote öffentlich verbrannt. Daneben
spielen natürlich Kinder und Frauen waschen ihre Kleider
und ihre Haare in demselben Fluss...
 
Hab einen Turnwettkampf angeschaut, voll süß und voll
beeindruckend, was die alles auf die Reihe kriegen ohne an-
ständige Matten. Ein Trainer hat mir erzählt, dass sie mal
einen guten Turner hatten, der am Boden Doppelsalto üben
wollte und weil sie zu der Zeit nicht einmal eine einzige
dicke Matte hatten, mussten sie ein riesiges Tuch verwen-
den, das von vier Personen gespannt wurde. Not macht
erfinderisch.
 
Ab etwa 8 Uhr Abends wird man an jeder größeren Kreu-
zung kontrolliert und muss sich rechtfertigen, warum man
zu dieser späten Stunde noch unterwegs ist. Wenn Nepa-
lesen, vor allem Männer, zu dieser Zeit einfach so am
Straßenrand sitzen, werden sie automatisch von der Polizei
oder der Armee gecheckt. Als Tourist kann man sich frei
bewegen, aber sobald ein Nepalese dabei ist, bekommt der
eine Körperkontrolle. 
 
Für die Musiker hier mal einen Einblick in die Kathmanduer
Geräuschkulisse von meinem Schlafzimmer aus:
 
Wenn man diese kleine Trommel, die auf beiden Seiten be-
spannt ist undeinen Faden mit einer Holzkugel dran hat,
tscheppern  hört, dann spaziert einer durch die Straßen
und verkauft kleine Sachen (Süßigkeiten, Seife, etc.).Hört
 man eine Ektare (ek=1, Gitarre mit einer Seite), dann ver-
kauft der Typ Steppdecken. Diverse Wörter, die irgend
welche Verkäufer rufen, sind diverse Sachen, zb. Suntala
(Orange), die sie verkaufen. Hört man ein seltsames Rasch-
eln, dann sind das kleine Metallringe und Metallschalen, die
verkauft werden. Lautes Hämmern – ach ja, neben mir wird
ein Haus gebaut. Hundegebell in der Nacht heißt soviel wie
den Hunden ist zu kalt zum Schlafen zu dieser Jahreszeit.
Hahnengekrähe, dann ist es etwa 4 Uhr Morgens. Hohes,
schnelles Glockengebimmel =  gläubige Hindus , die ihre Göt-
ter rufen (weil die ja die Glocken hören). Gemurmel-Gesang-
gemisch = gläubige Hindus am Beten (deswegen wache ich
ab und zu um 5 h Morgens auf) Tiefes, langsames Glocken-
gebimmel = buddhistischer Mönch spaziert betend durch
die Straßen Autos und Motorräder höre ich zum Glück nur
die von den Anrainern.

Nun ist es soweit: Demokratie ade !
Ausgangssperre hat es aber keine gegeben. Der Zeitpunkt
hängt wohl damit zusammen, daß der Februar (oder wohl
eher der Monat faghun) der Gründungsmonat der Maoisten
ist. Am 1. Februar um 10 h morgens hat der König eine rede
gehalten, in der er gemeint hat, nun ist endlich Schluss mit
dem Zirkus. Er habe sowieso schon zulang zugeschaut und
den Politikern eine Chance gegeben, mit den Maoisten zu
verhandeln, um eine Lösung des Konfliktes zu finden. Nun
setzt er alle Gesetze außer Kraft und wandelt die konstitu-
tionelle Monarchie in eine absolute um. Seiner Meinung
nach (und damit hat er die Mehrheit der Bevölkerung hinter
sich) hat demokratie nur Leid in diesem Land gebracht. Er
will nun die ganze Macht an sich nehmen, hat bereits zehn
neue Minister ernannt, dem Theater ein Ende bereiten und
in ein paar Jahren die Demokratie wieder einführen. Warum
die Mehrheit der Bevölkerung dafür ist? Für eine vernünftige
Demokratie ist wahrscheinlich ein gewisser Bildungsstand
eine Grundvoraussetzung, und der ist hier einfach nicht ge-
geben. Viele Leute hier denken, Demokratie bedeutet, man
kann tun und lassen, was man will. Seit die Demokratie ein-
geführt worden war, ist die Kriminalität und Korruption um
ein Vielfaches gestiegen. Kurz nachdem die Rede im Radio
gekommen war (ich war zu dem Zeitpunkt gerade in der
Schule), kamen schon die ersten Eltern, um ihre Kids abzu-
holen. Die Telefonleitungen waren bereits tot und der Flug-
hafen gesperrt (der bleibt bei den bandhs (Streiks) immer
offen). Ich bin nach dem Mittagessen kurz auf die Haupt-
straße gegangen, weil ich noch ein paar lebensmittel einkau-
fen wollte, denn niemand wusste, ob es nun eine Ausgangs-
sperre geben würde oder nicht (letztes Mal hatte die Armee
die Ausgangssperre erst nach einer Woche aufgehoben).
Die Stimmung war ziemlich angespannt. Überall Armee und
Polizei, keine lachenden Gesichter, die meisten Stände hat-
ten schon abgebaut und auch das düstere Wetter passte
perfekt zu den Gefühlen der Menschen. Die Ungewissheit
vor der Zukunft nagte an der ganzen Bevölkerung. Vor allem
die ungebildeteren Menschen haben furchtbare Angst. 
 
Die letzte Woche waren die Telefonleitungen in Kathmandu
nur für eine Stunde pro Tag offen, und das auch noch wahl-
los. Sobald man im Nachbarhaus das Telefon klingeln hörte,
fingen alle an zu telefonieren. Offensichtlich wollte man nach
der Ansprache des Königs vermeiden, dass sich Menschen zu
Demonstrationen organisieren. Mittlerweile funktioniert sogar
das Internet wieder, auch Handys kann man wieder verwen-
den – jedoch nur Vertragshandys, Wertkartenhandys werden
vermutlich noch monatelang nicht funktionieren. Pressefrei-
heit gibt es keine mehr und alle ehemaligen Minister sind
immer noch unter Hausarrest. Sonst nimmt alles seinen ge-
wohnten Gang.

Ich nehm's easy, die Schule ist zu Fuß nur eine Minute ent-
fernt, und im Umkreis einer Gehminute kenne ich fast die
ganze Nachbarschaft. Sollte ich irgend was brauchen, kann
ich ziemlich viele Leute um Hilfe fragen. Ansonsten kann ich
nicht viel tun, ich steh auf der Liste aller an diesem Konflikt
Beteiligten sowieso ganz unten. Und es ist eigentlich über-
raschend ruhig in der Hauptstadt. Armee und Polizei haben
zwar ihre Truppen verstärkt, jetzt stehen halt an jeder
Straßenecke vier bewaffnete Männer statt zwei, aber das
macht wohl auch keinen großen Unterschied mehr. Ich beob-
achte die Situation weiter genau, im Gegensatz zu den meis-
ten Touristen, die nur ein paar Wochen hier sind, kenne ich
mich mittlerweile mit den Sitten und Gebräuchen ein wenig
aus, und im Notfall könnte ich sogar zu Fuß zum Flughafen
gehen. Das klingt vielleicht alles sehr negativ, aber es hat
sich eigentlich nicht viel verändert und ich bin guter Dinge.
Ich denk mir einfach, solange die Frau vom österreichischen
Konsulat noch herzhaft lacht, gibt es keinen Grund zur Beun-
ruhigung. Mir geht es gut und das Heimweh hält sich (wie
immer) in Grenzen...
 
Gestern war der Beginn von Lhosar (tibetisch: lho=jahr, sar=
neu). Die Tibeter und Sherpa feiern jetzt die nächsten 15
Tage den beginn des neuen Jahres. ich habe von der Schule
frei bekommen (die Direktorin ist der Ansicht, ich soll soviel
Kultur in Nepal bekommen, wie ich nur kriegen kann) und bin
zu den zwei älteren Geschwistern meiner Gastfamilie (die
wohnen ja bei der Großmutter) gegangen. Der Rest der Fami-
lie ist ja immer noch in Deutschland. Zu Beginn des Lhosar-
Festes stehen alle um 6 auf, machen ein riesen Feuer und
verbrennen tibetisches Rauchwerk. Dann hängt man neue
Fähnchen in allen Farben auf. Danach bekommt man Tika
und geht in den Tempel beten. Ich bin erst am späten Vor-
mittag zu ihnen geschneit. Das älteste Mitglied der Familie,
in meinem Fall die Sherpa-Großmutter, hat bei mir das Neu-
jahrsritual durchgeführt. zuerst Tika auf die Stirn und auf
den Scheitel, nur, im Gegensatz zu den Hinduisten, die für
das Tika Farben verwenden, nehmen die Buddhisten Butter.
Na feine, da bin ich den ganzen Tag mit ranziger Butter im
Haar herum gesprungen... Nach dem Tika bekommt man ein
weißes Seidentuch um den Hals gehängt und dann isst man
den ganzen Tag Kapscha, das ist sowas fettig Frittiertes.
Am Vortag, während ich in der Schule war, ist eine Schwes-
ter zu mir nach Hause gekommen und hat einen riesen Berg
Kapscha gebacken. Als ich heimkam, waren im ganzen Haus
Kapscha, Bonbons, Früchte, Kekse und Zucker verteilt...
 
Nach dem Neujahrsritual bin ich in einen der wichtigsten
Tempel der Buddhisten gegangen und habe Butterkerzen an-
gezündet. Danach habe ich im Goethe-Zentrum ein Referat
über den Fasching in österreich gehalten – war ein ziemli-
cher Kontrast zum Lhosar und sowieso und überhaupt ist
es seltsam, jemandem, der nicht einmal weiß, wie ein Clown
aussieht, etwas über Fasching zu erzählen. Aber es war lus-
tig – bis auf die Faschingsspiele, die ich mit den Deutsch-
studenten gemacht habe. Die fand ich auch lustig, nur die
Nepalesen nicht. So unkompliziert und friedlich die oft sind,
ihr Humor lässt sogar eine Zitrone süß erscheinen...
.
Betreff: Sadhu (heiliger Mann)
Sehr hartgesottene Männer springen da in der Gegend herum und haben fast nichts an – 
außer was Gelbes und Rotes, haben meistens elendslange Rasta und immer eine lustige
Zeichnung auf der Stirn. Sie dürfen keine Behausung haben, dafür haben sie immer einen
gleich ausschauenden Kübel und einen heiligen Stab bei sich und fragen jeden um Essen
oder Geld. Die meisten Leute geben eigentlich gern was, denn das stimmt sie ja bei den
Göttern gut. Für Heilige Männer ist Marihuana rauchen legal (dafür gibt es extra einen
Gott des Rausches) – für den Rest der Bevölkerung natürlich nicht.
Wie man ein Heiliger Mann wird ?  Indem man eines Morgens
aufsteht, tief durchatmet und sagt: ich bin ein Heiliger Mann.
Dann kann man sich so dekorieren wie einer und die Geschich-
te nimmt ihren Lauf. Nix mit Priesterweihe oder so. In den
Touristenzonen gibt es leider solche, die diese Eigenart des
Hinduismus als lukratives Geschäft erkannt haben und sich
fotografieren lassen – für Geld. Einer springt sogar herum und
drückt einem Tika (roter Fleck) auf die Stirn und verlangt dann
Geld. Den hab ich bereits auf dem Kiecker und ihm schon or-
dentlich mal meine Meinung gesagt. Eine Frechheit, wie man
diese religiöse Lebensweise ausnützt und prostituiert. Eigent-
lich wollte ich den falschen Heiligen Mann testen und sagen,
er soll doch mal ein paar Mantren aufzählen, wenn er doch
schon so heilig ist, aber da ich selbst keine kann, würde es mir
ja auch nicht auffallen, wenn er irgend einen Blödsinn daher
reden würde....*g*  Wie dem auch sei, erkennen tut man die


Wow - ein heiliger Mann !!

echten daran, daß sie keine Touristen um Geld fragen, sondern nur Hindus, weil die zah-
len ja für die Götter, oder man erkennt sie daran, dass sie total dreckig sind, wobei das
natürlich nicht Dreck ist, sondern heiliger Dreck, denn nach jedem Bad reiben sie sich
von Kopf bis Fuß mit heiliger Asche ein....

"Live" aus Kathmandu: Olivia Vrabl..

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